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Objekte, Installationen, Klangkompositionen, 3D-Audio und Filme
im virtuellen Raum
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Kultur: Zugang und Teilhabe im digitalen Zeitalter
Gedanken zu einer Ausstellung im virtuellen Raum

von Prof. Sabine Breitsameter

Angespornt vom Sputnikschock 1957 war im Auftrag des Pentagon die Entwicklung eines dezentralen militärischen Kommunikationsnetzwerks vorangetrieben worden, das auch dann noch den Austausch von Daten ermöglichen sollte, wenn ein Teil seiner Infrastruktur durch einen atomaren Erstschlag zerstört würde. So begann das, was wir heute Internet nennen.

Der allgemeinen Öffentlichkeit stand es, nach unzähligen und hoch spezialisierten Entwicklungsschritten, erst Anfang/Mitte der 1990er Jahre zur Verfügung. Unter Federführung des europäischen CERN-Forschungszentrums in Genf wurde mit dem “World Wide Web” ein Dienst eingeführt wurde, dessen neuartige graphische Benutzeroberfläche darauf ausgelegt wurde, von Computer-Laien bedient zu werden. Dies vor dem Hintergrund überwiegend kommerzieller Erwartungen.

Schon früh waren allerdings auch diejenigen unterwegs, die Im Internet und seinen Vorläufern Potentiale für Kultur und Bildung sahen. Herausgegriffen sei hier folgende bemerkenswerte Initiative: So wurden Datennetzwerke bereits zu Beginn der 1970er Jahre insbesondere an der Westküste der USA von der Alternativ-Bewegung genutzt. Sogenannte “Bulletin Boards”, übersetzt: Schwarze Bretter oder Anschlagtafeln, wurden etabliert. Kleine lokal ausgerichtete Computernetzwerke entstanden, elektronische Kommunikationsräume, in denen Informationen von allen für alle bereitgestellt, gemeinschaftliche lokalpolitische Willensbildung oder Aktionen koordiniert oder einfach nur Kontakt zwischen Gleichgesinnten hergestellt wurden.

Die damals neue Computer- und Netzwerktechnologie inspirierte also die Herausbildung einer auf basisdemokratische Teilnahme ausgelegten Alltagskultur, einen Prozess, den man heute als „Community Building“ bezeichnet.

Indem wir uns an diese Anfänge erinnern, wird uns deutlich, wie wichtig uns die Ideale und Ansprüche für unsere zukünftige Gesellschaft sind. “Zugang” war das Schlüsselwort, das im politischen Diskurs bis heute immer mehr an Bedeutung gewann: Zugang zu effizienten Daten- und Kommunikationsprozessen, zu
Entscheidungsprozessen, zur Veröffentlichung der eigenen Meinung, Gedanken und Schöpfungen, Zugang aber auch zum Wissen um die Verfahrensweisen der elektronischen Systeme, um zu verstehen wie mit den eigenen Daten umgegangen wird, um gegebenenfalls widersprechen zu können und Alternative zu fordern. Dieses Verständnis von Zugang impliziert also auch eine Forderung nach politischer und technischer Transparenz. Mittels Internet – so das Wertemodell – sollten Individuenund Gemeinschaften aufgeklärt und mündig gegenüber Staat und Industrie, aber auch Institutionen und Gatekeepern agieren können.

Auch für Künstler*innen waren der Zugang, den die digitalen Netzwerke zur Verfügung stellten, schon bald sehr attraktiv: Etliche ließen sich von den Partizipations- und Interaktionsmöglichkeiten des Internet dazu anregen, innovative medienspezifische künstlerische Formen zu finden. Es entstand die sogenannte Netzkunst, deren Einflüsse bis heute in den zeitgenössischen Künsten eine große Rolle spielen. Ab Mitte der 1990er Jahren fanden viele Künstler*innen im vernetzten Datenraum aber auch öffentliche Präsentationsplattformen, Möglichkeiten also, ihre Produktionen einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen, die über die lokale, regionale oder nationale Reichweite einer Galerie oder eines Museums grundsätzlich hinaus verweist.

Als wir Anfang dieses Jahres unsere jährliche Ausstellung im Museum Schloss Fechenbach planten, war uns nicht bewusst, dass unsere diesmalige frühsommerliche Veranstaltung im virtuellen Raum würde stattfinden müssen. Im Angesicht der durch die Pandemie gebotenen Reduzierung von öffentlichem Leben
und privaten Kontakten war dies die einzige Möglichkeit, unser gemeinsames Tun mit dem Museum Schloss Fechenbach der „Welt draussen“ vorzustellen. Daher mussten wir uns nicht lange dazu durchringen. Uns interessiert dabei der elektronische Raum nicht nur als öffentlicher Präsentationsraum, sondern überdies als Raum der Begegnung. Die Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe und Teilnahme haben wir daher von Anfang an einkonzipiert und ins Zentrum unserer virtuellen Ausstellung gestellt: Unsere Webseite bietet Möglichkeiten der Begegnung beim Betreten, Durchschreiten und Rezipieren der Ausstellung. Zu definierten Zeiten werden die Besucher*innen empfangen, geführt und können Fragen stellen.

Sie können mit anderen Gästen unserer virtuellen Galerie in Kontakt treten, wenn sie wollen, und sich mit diesen austauschen. Zu bestimmten Zeiten sind die Künstler*innen der Exponate vor „Ort“, d.h. auf der Webseite präsent, und treten mit dem Publikum in Dialog. Das ist es, wofür wir Sorge tragen wollen.

Nicht das Zeigen von medienspezifischer Netzkunst ist hier unser Anliegen (das wäre eine andere, separate Ausstellung), sondern das Zugänglichmachen von Kultur, Kunst und sozialer Begegnung trotz widriger Bedingungen in einem andersartigen, vielleicht neuen Raum. Wie in jedem Jahr können Sie im Rahmen unserer Publikumsjury Ihre Favoriten für den „Nachwuchspreis Medienkultur der Stadt Dieburg“ auswählen.
Und auch mittels digitaler Netzwerke können wir zusammenkommen, feiern, in Austausch treten und eine gemeinschaftlich-verbindliche Atmosphäre erzeugen.

Deshalb führen wir Vernissage, Preisverleihung und Finissage als eine Videokonferenz durch. Wie? Unsere Ausstellungswebseite gibt darüber detailliert Auskunft. Wichtig ist uns, den Interessent*innen Zutritt zu verschaffen.

Gemeinsam mit dem Museum Schloss Fechenbach haben die Studierenden des Masterstudiengangs International Media Cultural Work einen vernetzten Datenraum geöffnet, einen neuen Raum, der nicht nur der lokalen Gemeinschaft in Dieburg Zugang bieten soll, sondern auch Interessent*innen weltweit.

Probieren Sie’s aus! Es ist wirklich nicht so schwer wie manche vielleicht meinen. In jedem Fall werden wir gemeinsam – davon bin ich überzeugt – durch diesen Versuch gewinnen, der in der Welt der Kunst und Kultur immer noch etwas Besonderes ist. Keinen Ersatzraum, denn nichts kann unsere Museen, Galerien, Theater und Museen und die Begegnungen darin ersetzen! Aber einen zusätzlichen Raum, der von nun an
immer mit dabei sein kann, einen Raum mit besonderen Qualitäten und Möglichkeiten für Kunst und Kultur, der diesen – unter Umständen wie derzeit – Flügel verleihen kann und damit Trennendes überwindet.